| Kultur
der Mapuche
Marc Behrens Kulturelle Unterschiede sind gerade in der letzten Zeit Gegenstand so mancher Diskussionen wie auch Forschungen gewesen. Der Kulturbegriff selbst ist dabei bekanntlich die erste Schwierigkeit, der man begegnet, setzt man sich mit einer solchen Thematik auseinander. Was ist Kultur überhaupt? Eine Frage, die in "abendländischer" Geistesgeschichte bis heute zu den unterschiedlichsten Antworten führt. Was die Mapuche Südchiles angeht, so ist man sich allerdings darin einig, dass kulturelle Unterschiede gegenüber Europa aber auch der übrigen chilenischen Gesellschaft bestehen. Hier jedoch erübrigen sich die Fragen, ob diese Unterschiede gesellschaftlicher, geschichtlicher, bewußtseinsgeschichtlicher oder religiöser Art sind, denn sie bestehen auf allen Ebenen. Auch Kunst und die hauptsächlich mündlich überlieferte Literatur der Mapuche sind für den Kenner schnell zu identifizieren und gegenüber anderen Richtungen leicht abzugrenzen. Letztere spielt eine wesentliche Rolle für Identität und Selbstverständnis der Mapuche, der "Menschen der Erde", denn die orale Literaturüberlieferung beinhaltet auch eine eigene Interpretation der Geschichte Südchiles, die nicht selten von dem, was an Schulen und Universitäten offiziell gelehrt wird, abweicht. Behandelt die Überlieferung zum großen Teil Stoffe aus den Zeiten des kriegerischen Widerstands der Mapuche gegen Spanier und chilenische Truppen, so ist die Liebe das zweite große Thema der Dichtungen, wie ja auch, so könnte man durchaus mit Recht behaupten, die gesamte Weltliteratur im Wesentlichen von den zwei großen Themen Liebe und Krieg, bzw. Tod beherrscht wird. Ihre spezifische Weltanschauung nennen die Mapuche ihre Kosmovision. Die gesellschaftliche Instanz, die für weltanschauliche Fragen innerhalb einer Mapuchegemeinschaft zuständig ist, ist die Machi. Die Machi sind die Schamaninnen der Mapuche und damit die Heilerinnen, die spirituellen und religiösen Instanzen und die Hauptträgerinnen der oralen Literaturüberlieferung in einer Person. Gelegentlich ist in geschichtlicher oder anthropologischer Forschung die These vertreten worden, das Amt des/der Schamanen(in) sei ursprünglich grundsätzlich Frauen vorbehalten gewesen und erst mit dem Untergang matriarchalischer Gesellschaftstrukturen hätten zunehmend auch Männer diese Funktion übernommen. Diese These konnte jedoch nie hinreichend belegt werden. Bei den Mapuche ist das Amt der Machi tatsächlich eine eindeutig weibliche Domäne, obwohl es auch eine Entfaltungsmöglichkeit für homosexuelle Männer bietet. Neben der Machi ist der Lonko (=Kopf) ein weiterer geistiger Würdenträger, der in der Regel männlich ist. Während man sich die Machi als eine tendenziell eher weltanschauliche, spirituelle Instanz vorstellen muss, ist der Lonko dagegen eher der Stratege, oder, so weit man in den hierarchisch flach organisierten Mapuchegemeinschaften davon sprechen kann, der Machtpolitiker seiner Gemeinschaft. Dualismus dieser Art findet man innerhalb der Kultur der Mapuche allerdings nicht nur auf der gesellschaftlichen Ebene. Auch in den traditionellen religiösen Vorstellungen spielen die beiden "Alten", die auch als das ältere Ehepaar bezeichnet werden, und die beiden Jungen - ebenfalls Frau und Mann - die zentrale Rolle, wodurch die kultisch bedeutsame Zahl vier erreicht wird. Abstrakter Monotheismus oder die Vorstellung von der sogenannten "unbefleckten" Empfängnis war den Mapuche vor Ankunft der Spanier offenbar fremd. Die beiden Alten werden in Abhängigkeit von den jeweiligen natürlichen Gegebenheiten des Gebietes bzw. der Gemeinschaft unterschiedlichen natürlichen Bereichen zugeordnet. Dadurch bilden die religiösen Vorstellungen keinen Widerspruch zu der sogenannten Kosmovision der Mapuche, denn innerhalb dieser Betrachtungsweise der Natur und des Kosmos existiert nichts unabhängig von seinem Gegenstück, alle Dinge sind dual und stehen miteinander in Wechselwirkung. Außerdem gilt: "Everything has its Spirit" (Faron, 1968). Auch das Jenseits wird häufig als die andere oder die obere Erde bezeichnet, also als Gegenstück zum Diesseits betrachtet, weshalb den Toten symbolisch Grabbeigaben zugedacht werden, die für sie nach dem Wechsel ihrer Geister ins Jenseitige im weiteren Leben von Nutzen sein könnten. Abgesehen vom religiös-spirituellen Bereich erinnert die Fokussierung der Naturbetrachtung auf Wechselwirkungen und Zusammenhänge an Betrachtungsweisen etwa Alexander von Humboldts und in Zeiten globaler ökologischer Probleme erleben solche Herangehensweisen - kombiniert mit heutigen Standards naturwissenschaftlicher Forschung - bekanntlich wieder eine Renaissance. Dabei setzt sich zunehmend die Haltung durch, das Wissen der Schamanen (-innen) und der "Curadoere" der ursprünglichen Einwohner des südamerikanischen Kontinents durchaus ernstzunehmen - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass dieses Wissen bei fortschreitender Zerschlagung traditioneller Strukturen verloren gehen könnte. Auch die Kenntnisse der Machi der Mapuche sind, was heimische Heilpflanzen und Naturheilverfahren betrifft, beträchtlich. So führte schon 1936 eine Studie (Gusinde 324) den Mapuche bekannte Heilpflanzen auf. Außerdem sind die Fähigkeiten einer Machi auch aus psychologischer Sicht nicht uninteressant, da die Machi nicht nur für die körperliche, sondern auch für die psychische Genesung ihrer Patienten verantwortlich ist und - wie alle Schamanen(innen) - in der Regel dabei hilft, psychosoziale Spannungen innerhalb der Gemeinschaft (der sogenannten "Kollektivseele") abzureagieren. Bei einer religiösen Zeremonie wie bei einer Krankenheilung versetzt sich die Machi mit Hilfe ihrer Instrumente und, im Unterschied zu manch anderen Schamanen(-innen) Südamerikas, ohne die Hilfe halluzigener Drogen in einen tranceartigen Zustand. Oft ist in wissenschaftlicher Literatur behauptet worden, in diesem Zustand sprächen nach Auffassung der Mapuche hilfreiche Götter und Dämonen oder andere "übernatürliche" Mächte aus dem Munde der Machi. Da aber nicht so sehr das Über- als vielmehr das Natürliche im traditionellen Glauben der Mapuche die Hauptrolle spielt, muss davon ausgegangen werden, dass diese Beschreibungen oftmals Projektionen abendländischer Vorstellungen sind. Es sind natürliche Mächte, die angebetet werden. Mit Unbewusstem scheint es, wird in einer Mapuchegemeinschaft überhaupt mit großer Offenheit umgegangen, so kann beispielsweise ein Traum nach Schindler (1990) eine sozial anerkannte Legitimation für Verhalten sein. Die Machi werden darüberhinaus auch als die besten Dichterinnen der Mapuche angesehen, wie auch in wissenschaftlicher Literatur Schamanen(-innen) allgemein häufig mit Künstlern der europäischen Kulturtradition verglichen werden. Tatsächlich sind Experimente mit Unbewußtem in europäischer Kunst- und Literaturgeschichte nicht erst seit Freud nichts Ungewöhnliches, man denke an Freuds eigenen Aufsatz "Das Unheimliche" über ETA Hoffmanns "Der Sandmann", an Experimente mit Mesmerismus und siderischem Pendel in der Goethezeit oder an Edgar Allen Poes Behauptung, er habe den Schrecken in seinen Werken aus seiner "rechtmäßigen" Quelle, der Seele, hergeleitet. Trotzdem wäre es falsch, die Machi mit neuzeitlichen Künstlern einfach gleichzusetzen, auch wenn sich die Dichter des 19. Jahrhunderts noch mit Recht als die Psychologen ihrer Zeit hätten betrachten dürfen. Sie ist eine geistige Autorität einer Gemeinschaft, in der noch ein mythisches Weltbild vorherrscht. Ein solches Weltbild wird heute bewusstseinsgeschichtlich als ein erster Schritt hin zur Aufklärung betrachtet und sorgsam von jeglicher Art Mystizismus oder Aberglauben unterschieden. Es ist ein Schritt zur Aufklärung, der jedoch nicht zu der innerhalb der westlich-"modernen" Gesellschaft vielfach beklagten rationalen Entzauberung der Welt geführt, sondern ein hohes Maß jenes "Staunens" über die Welt und die Erscheinungen bewahrt hat, das - folgt man philosophisch der hermeneutischen Schule - nach Dilthey die Voraussetzung von Verstehen und Erkenntnis bildet. Hierin und im ganzheitlichen Verständnis von Mensch und Umwelt liegt, so scheint es, das wahre Erfolgsgeheimnis traditioneller "indianischer" Medizin.
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